Staatseinstieg statt Großfusion? SPD stellt sich im Evonik-Poker gegen BASF

08.10.2026


BASF-Chef Markus Kamieth stellt die mögliche Übernahme von Evonik in einen größeren Branchentrend: Die Chemieindustrie stehe vor einer „großen Welle an Übernahmen und Fusionen“, sagte er auf dem Deutschland-Gipfel von Handelsblatt und WirtschaftsWoche in Berlin. Als Marktführer wolle BASF diese Phase aktiv nutzen. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass BASF eine Kaufofferte für den Essener Spezialchemiekonzern im Volumen von rund zehn Milliarden Euro abgegeben hatte. Der Evonik-Vorstand hat das Angebot zurückgewiesen; offiziell verweist BASF bislang nur auf Sondierungen, deren Fortgang und Ausgang offen seien.

Kamieth vermied es zwar, die Offerte im Detail zu kommentieren, umriss aber die strategische Logik hinter einem möglichen Zusammenschluss. Eine Kombination von BASF mit „einem anderen starken Spieler aus der Spezialchemie“ ergebe aus seiner Sicht „sehr viel Sinn“. BASF könne in einer solchen Verbindung seine Stärke in der Basischemie einbringen, während Evonik als Nummer zwei in Deutschland auf margenstarke Spezialchemie fokussiert ist. Damit rückt ein Modell in den Mittelpunkt, bei dem ein integrierter Großkonzern seine Grundchemie mit wachstumsstarken Spezialanwendungen verzahnt.

Im Zentrum des Machtpokers steht die RAG-Stiftung, die rund 44 Prozent der Evonik-Aktien hält und damit eine Sperrminorität. Während der Evonik-Vorstand die Offerte abgeschmettert hat, ist offen, ob die Stiftung die Abwehrstrategie dauerhaft mitträgt oder mittelfristig Verkaufsbereitschaft zeigt. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) äußert erhebliche Zweifel an der Standfestigkeit der von Bernd Tönjes geführten Stiftung. In einem Brief an die Betriebsräte von Evonik und BASF, auf den sich Medienberichte beziehen, erinnert IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis die Stiftung an ihre Verpflichtungen und stellt ihr Anlage-Geschick infrage. Parallel dazu fordert die SPD einen Staatseinstieg bei Evonik, um Einfluss und Standortinteressen zu sichern.

An den Kapitalmärkten hat der Übernahmepoker die Kursfantasie befeuert: Die Evonik-Aktie schloss zuletzt bei 20,86 Euro und liegt damit seit Jahresbeginn rund 56 Prozent im Plus. Allein seit Bekanntwerden der Sondierungsgespräche mit BASF legte das Papier um knapp drei Prozent zu. Gleichzeitig arbeitet das Evonik-Management daran, die eigene strategische Eigenständigkeit zu untermauern. Ende September kündigte der Konzern an, die Wachstumsstrategie nachzuschärfen und den Geschäftsbereichen sowie den großen deutschen Standorten verbindliche Rollenprofile zuzuweisen. Mit Investitionsprojekten in Kanada und der Slowakei sowie der geplanten neuen Geschäftseinheit „Designed Polymer Solutions“ positioniert sich Evonik stärker in margenstarken Spezialanwendungen – und sendet das Signal, dass der Konzern auch ohne Eigentümerwechsel auf Ertrags- und Wachstumskurs setzen will.

Antisemitismus-Debatte nach ZDF-Sendung: Anwalt spricht von „Falschbehauptung des Innenministers“

08.10.2026


Die Berliner Linken-Politikerin Elif Eralp geht juristisch gegen Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) vor. Eralp und ihr Berliner Landesverband haben nach Angaben ihres Rechtsbeistands Strafanzeige beziehungsweise Strafantrag gegen den Minister gestellt. Hintergrund ist eine Passage in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“, in der sich die Moderatorin versprochen und Eralp in einem Satz fälschlich als Antisemitin bezeichnet hatte, bevor sie sich sofort korrigierte. Dobrindt kommentierte diese Szene mit den Worten „Na doch“.

Aus Sicht des von Eralp mandatierten Anwalts Jasper Prigge macht sich der Minister damit den Versprecher der Moderatorin zu eigen. In einem Schriftsatz, der mehreren Medien vorliegt, heißt es, Dobrindt stelle durch seine Einlassung eine Tatsachenbehauptung auf, die den Tatbestand der üblen Nachrede erfülle. Zudem liege eine Beleidigung vor, weil die Bezeichnung als Antisemitin „in erheblichem Maße ehrabträglich“ sei. Eralp habe sich nach Darstellung ihres Anwalts selbst nie in einer Weise geäußert, die als antisemitisch zu bezeichnen wäre, vielmehr trete sie öffentlich für den Schutz jüdischen Lebens ein.

Der Anwalt spricht von einer „Falschbehauptung des Innenministers“. Die Äußerung im Fernsehen sei geeignet, das öffentliche Wirken der Berliner Spitzenpolitikerin erheblich zu erschweren. In dem Schriftsatz wird darauf verwiesen, dass die Verbreitung des Eindrucks, Eralp würde selbst sagen, sie sei Antisemitin, ihre Integrität als politische Amtsträgerin infrage stellen und damit auch Auswirkungen auf politische Prozesse in Berlin haben könne. Eralp ist Spitzenkandidatin der Linken für das Rote Rathaus.

Die Auseinandersetzung hatte sich in der ZDF-Sendung an einem Schlagabtausch zwischen Dobrindt und der Linken-Bundestagsfraktionschefin Heidi Reichinnek entzündet. Während der Debatte unterlief Moderatorin Maybrit Illner der Versprecher, sie korrigierte sich jedoch unmittelbar mit dem Hinweis, Eralp sei „keine Antisemitin“. Dobrindts anschließender Kommentar bildet nun den Kern des juristischen Streits. Zu möglichen weiteren Schritten der Strafverfolgungsbehörden und einer Reaktion des Bundesinnenministers lagen zunächst keine näheren Angaben vor.